Ein Angebot

Neulich habe ich mich mit einem Freund auf einer Party unterhalten. Er ist leitender Angestellter in einem mittelständischen Produktionsbetrieb. Eine Führungskraft also. Wir kamen recht schnell auf das Thema Arbeit zu sprechen. Genauer gesagt ging es um Führung, Hierarchien, Verantwortung und Dergleichen. Mein Freund gab mir recht schnell und unmissverständlich zu verstehen, wovon er überzeugt ist: „Die meisten Menschen sind nicht in der Lage, in ausreichendem Maße Verantwortung zu übernehmen“. Diese „Masse“ müsse durch andere, dazu besser geeignete Menschen, geleitet, geführt, angereizt und kontrolliert werden.

Zur Begründung sagte er mir, dass man das ja überall beobachten könne. Wie auch bei ihm im Unternehmen. Das „ist halt so“, sagte er.

Die Beobachtung

Dieses Bild der Arbeitswelt kommt mir bekannt vor. Ich bekomme von Führungskräften in mittleren und großen Unternehmen oft solche Dinge gesagt. Sätze wie „meine Leute übernehmen keine Verantwortung“ oder „die können das nicht“ oder „mit meinen Leuten geht das nicht“ sind keine Seltenheit. Auch verbreitete Sprachbilder wie „wir müssen sie an die Hand nehmen“, „abholen“ oder „mitnehmen“ zeugen von dieser Denkschule. Das entspricht so ziemlich dem, was Douglas McGregor in seinem Buch „The Human Side of Enterprise“ schon in den 1960er Jahren als Theorie X beschreibt. Was die Beobachtung angeht, stimme ich auch vollständig zu: Man kann dieses Verhalten tatsächlich beobachten.  

Die Schlussfolgerung

Die gängige Schlussfolgerung aus dieser Beobachtung besteht nun darin, den handelnden Menschen persönliche Eigenschaften zuzuschreiben, die ihr Verhalten erklären. Das tut mein Freund auch. Er geht davon aus, dass beobachtetes Verhalten stets und ausschließlich auf persönliche Charaktereigenschaften zurückzuführen sind. Ein Großteil der Menschen ist nun einmal nicht in der Lage zur Eigenverantwortung, ist die dann logische Folgerung. Da zu sinnvoller Arbeit nicht fähig, brauchen solche Menschen Vorgesetzte, die sie führen. In gewisser Hinsicht ist diese Argumentationskette nachvollziehbar, passt sie doch genau zu der Beobachtung. Aber sie basiert auf einem leider sehr verbreiteten Fehler. Dieser Fehler ist so verbreitet, dass er sogar einen eigenen Namen hat: Attributionsfehler.

Die Sackgasse

Die Schlussfolgerung ist falsch, weil sie den Kontext der handelnden Personen ignoriert. Aber anstatt Dir einfach ein „das ist falsch“ an den Kopf zu knallen, will ich Dir lieber etwas hilfreiches anbieten. Denn die oben beschriebene Schlussfolgerung ist einfach nicht hilfreich. Sie ist eine gedankliche Sackgasse.

Wäre der Großteil der Menschheit tatsächlich nicht zu eigenständiger Arbeit geeignet, dann wären so ziemlich alle Unternehmen (und wir als Gesellschaft) am Ende. Die einzige Chance, die Unternehmen für Verbesserungen hätten, wäre ihre Mitarbeitenden im großen Stil auszutauschen. Leider sind die ganzen Guten aber schon bei der Konkurrenz, also bei den Unternehmen, wo „es läuft“. Das ist dann wohl dieser „war for talents“, von dem alle reden.

Wenn wir sie nicht massenhaft austauschen können, müssten wir die ganzen schlechten Mitarbeitenden vielleicht nur richtig schulen, coachen oder ausbilden?  Aber Moment, tun wir das nicht bereits? Das Angebot an Kursen und Seminaren für „Mehr Eigenverantwortung“, „Selbstmanagement“, „Mehr Erfolg im Job“, „Führungskräfteentwicklung“ etc. ist schier unüberschaubar. In den meisten Unternehmen ist es völlig normal, dass Mitarbeitende mehrere solcher Schulungen jährlich durchlaufen. Das nennt sich Personalentwicklung. Leider ändert sich an der oben geschilderten Beobachtung grundlegend aber nichts.

Da also alle Ansätze, die Menschen zu (ver-)ändern anscheinend nicht funktionieren, stecken wir tatsächlich in einer Sackgasse. Müssen wir einfach damit leben, dass der Großteil der Menschheit im Arbeitsleben geleitet, gesteuert und kontrolliert werden muss? Müssen wir damit leben, dass Unternehmen nur mit Hilfe von formalhierarchischen Machtstrukturen funktionieren? Und müssen wir damit leben, dass größere Unternehmen damit immer träger, innovationsunfähiger und unbeweglicher werden? Klingt frustrierend, oder?

Das Angebot

Wir stecken fest. Aber spulen wir doch gedanklich noch einmal zurück. Ich will Dir ein Angebot machen. Mein Angebot ist ein alternativer Denkansatz. Du musst nicht gleich Deine Überzeugungen über Bord werfen aber ich will Dir eine andere Perspektive anbieten. Sieh es wie eine neue Brille, die Du Dir einmal aufsetzen kannst. So schaust Du Dir die Sache einmal mit anderen Vorzeichen an.

Was wenn unser Charakter nur eine Komponente ist, die unser Verhalten bestimmt? Was wenn die äußeren Umstände unser Verhalten viel mehr beeinflussen als wir gemeinhin glauben? Wir sprechen ja auch von Verhältnissen. Verhältnisse prägen Verhalten. Ich will dazu ein Beispiel geben.

Ein Beispiel

Du bist auf einer Motto-Party mit Freunden und Bekannten eingeladen. Vielleicht bist Du mit Begeisterung dabei und gibst Dir richtig Mühe mit einer Verkleidung. Vielleicht magst Du aber auch keine Motto-Partys und willst mit möglichst wenig Aufwand durchkommen. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass die Option nicht hinzugehen für Dich ausfällt.  Unwahrscheinlich ist, dass Du das Motto vollständig ignorierst und einfach wie immer auftauchst. Du wirst schon allein deshalb das Motto nicht ignorieren, um nicht unangenehm aufzufallen. Keinesfalls wirst Du als Spaßbremse gelten wollen oder Dir komische Fragen gefallen lassen müssen.

Die Party war ziemlich ausgelassen. Es wurde laute Musik gehört, getrunken, getanzt, gelacht und es wurden auch allerhand schmutzige Witze erzählt. Ein paar Tage später bist Du auf einem Fachkongress mit Geschäftspartnern, Kolleginnen und Kollegen. Auch hier verhältst Du Dich angemessen. Es gibt einen Dresscode: Anzug, Krawatte, Lederschuhe. Das stand zwar nirgends aber das ist Dir klar. Vielleicht wird auch ein Glas Wein oder Bier getrunken aber tanzen, laute Musik und schmutzige Witze?

Die Bitte an Dich, auf dem Kongress zu tanzen oder zu singen wäre absurd. Vielleicht geht ein schmutziger Witz hinter vorgehaltener Hand mit einer Kollegin, die Du gut kennst. Auch wenn die Veranstaltung Dir möglicherweise träge oder langweilig erscheint, Du würdest Dich selbstverständlich angepasst verhalten. Niemand würde das kritisieren. Niemand würde mehr Mut für Eigenständigkeit von Dir fordern oder mehr Kreativität. Dein Verhalten ist erwartbar und intelligent. Genauer gesagt systemintelligent. Nicht angepasstes Verhalten würde mindestens ein Nasenrümpfen bei Deinen Kolleg*innen verursachen. Vielleicht sogar wichtige Geschäftskontakte kosten oder gar Deinen Job.

Verhältnisse prägen Verhalten

Wir Menschen sind soziale Wesen und verhalten uns in aller Regel kontextabhängig. Und zwar in sehr intelligenter Art und Weise: systemintelligent. Kritiker höre ich bisweilen sagen: „Aber wir sind doch keine fremdgesteuerten Wesen!“  Hmm, naja, schon aber das ist eine gute Nachricht! Unser kontextabhängiges Verhalten ist Grundlage unseres meist friedvollen Zusammenlebens. Es ermöglicht Kooperation in einem Ausmaß, dass uns von allen anderen Lebewesen unterscheidet.

Natürlich reagiert jeder Mensch individuell auf unterschiedliche Situationen. Jeder bringt seine Charaktereigenschaften ein. Wir passen unser Handeln aber stets an das Erwartbare an. Was erwartbar ist, wird durch den Systemkontext festgelegt. Kontext und Persönlichkeit beeinflussen also Verhalten. Vielleicht findest Du das sehr kontrovers: Auf den Punkt gebracht bedeutet das, dass wir gerade nicht authentisch sind und das ist gut so.

Der Ausweg

Wenn Du diese systemische Brille jetzt noch einen Moment länger aufbehalten kannst, tut sich ein Ausweg auf. Wenden wir das doch einmal auf das Thema Verantwortungsübernahme im Beruf an.

Wir können dann davon ausgehen, dass Menschen in der Regel sinnvoll handeln und Verantwortung übernehmen wollen. Das tun die meisten von uns z.B. ständig im Privatleben. Auf den Systemkontext bezogen treffen Menschen also meist sehr vernünftige Entscheidungen. Wenn eine Handlung aber unsinnig oder verantwortungslos wirkt, kannst Du Dir zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  • Welche Umstände im aktuellen Kontext machen das Verhalten so erwartbar?
  • Aus welchem Grund ist es sinnvoll für die Person, hier keine Verantwortung zu übernehmen?
  • Welche handlungsleitenden Informationen gibt das System, dass Personen ihren Verantwortungsbereich so (eingeschränkt) definieren?
  • Durch welche Veränderungen würde ein anderes Verhalten sinnvoll?

Und um auf einen anderen, häufig gemachten Fehler, der Vertauschung von Ursache und Wirkung zu kommen:

  • Ist das Verhalten von Mitarbeitenden die Ursache für das Verhalten von Führungskräften oder ist es umgekehrt? Ist es möglicherweise eine Reaktion auf die Umstände und auf das Verhalten der Führungskräfte?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht immer einfach zu finden. Es lohnt sich aber, auf die Suche zu gehen. Sie sind Dein Lösungsweg aus der Sackgasse, denn Du kannst dann das System so gestalten, dass mehr Verantwortungsübernahme sinnvoll wird.

Gib Verantwortung zurück

Man kann kaum erwarten, dass jemand auf einem Fachkongress auf Befehl in den Party-Modus geht. Ebenso wenig kannst Du auch erwarten, dass sich Mitarbeitende im von Prozessen und Regeln geprägten Arbeitsumfeld plötzlich nicht mehr an ebenjene Regeln halten, und eigenverantwortlich handeln. Denn die Regeln sorgen ja dafür, dass Mitarbeitende gerade keine Verantwortung übernehmen müssen. Solange Du die Regeln befolgst, machst Du alles richtig. Regeln erfordern weniger eigenes Denken. Das ist so gewollt. Schwierig wird es, wenn die Regel nicht mehr zum Problem passt. Und dass ist in unserem heutigen, komplexen Umfeld immer häufiger der Fall.

Gestalte also den Kontext. Fördere und fordere eigenständiges Denken und Handeln durch weniger Command-and-Control, weniger Regeln und mehr gute Prinzipien. Arbeite am System anstatt (Dich) an Menschen (abzu-)arbeiten. Für mehr und konkretere Impulse, sprich mich gerne an.

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