… und warum Du Dir überlegen solltest, ob Du das tun willst. Bis vor Kurzem habe ich von Führungskräften und Managern gerne mal Authentizität gefordert. Ich habe sogar ein paar alte Folien aus Seminaren von mir gefunden, auf denen das steht. Mittlerweile ist mir das peinlich. Ich halte es für ziemlich banane, so etwas zu fordern.

Wenn das provokant oder befremdlich für Dich klingt, kann ich das verstehen und lade Dich umso mehr ein, jetzt weiter zu lesen. Es geht auch ganz schnell!

Ich habe diesen Artikel ursprünglich einmal im Zug geschrieben als ich auf dem Rückweg von einem Workshop kam. Es ging unter anderem um systemische Beratung. Als Reinhard Sprenger sagte: “Authentizität zu fordern ist übergriffig und obszön”. Da war ich schlagartig hellwach und musste nachfragen. Mir wurde schnell klar, dass ich das was ich über soziale Systeme eigentlich wusste, nicht konsequent zu Ende gedacht hatte. Mich damit zu beschäftigen hat einmal mehr mein Verständnis sozialer Systeme verbessert. Deshalb möchte ich es hier teilen.

Was ist Authentizität?

Authentizität bedeutet so viel wie Echtheit. Auf Personen bezogen bedeutet Authentizität, sich gemäß seinen Werten, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen zu verhalten, ungeachtet äußerer Einflüsse. Aber können wir äußere Einflüsse überhaupt vollständig ignorieren? Entspricht das der Realität?

Menschen sind soziale Wesen. Sozialisiert zu sein bedeutet, sich eben gerade nicht ungeachtet äußerer Einflüsse zu verhalten. Sozialverhalten ist, sich im sozialen Kontext intelligent und verhältnismäßig zu bewegen. Genau das tun die allermeisten Menschen ständig. Während wir uns stets sozial angemessen verhalten, geht es um mehr als “sich zu benehmen”. Wir sind äußerst anpassungs- und wandlungsfähig, ohne dass es uns Mühe kostet. Das meiste geschieht nämlich unterbewusst aufgrund unserer Sozialisierung, die wir alle während unseres Aufwachsens durchlaufen.

Mach Dir doch einmal den Spaß und beobachte Dich gedanklich in verschiedenen sozialen Kontexten selbst. Ich weiß, dass mit der Selbstbeobachtung ist so eine Sache aber nur zum Spaß: Wie bist Du in Deiner Familie? Mit Deine*r Partner*in? Wie bist Du auf der Arbeit oder in der Kneipe mit Freund*innen? Wie bist Du im Theater oder in der Freizeit beim Sport? Achte einmal auf Sprache, Gestik, Mimik, Kleidung und alles andere, was man an Dir so wahrnehmen könnte. Wäre es nicht vollkommen unangemessen, wenn Du Dich beispielsweise mit Kund*innen auf der Arbeit genauso verhieltest wie in der Kneipe nach Feierabend?

Es wäre wahrscheinlich nicht nur unangemessen, sondern auch wenig hilfreich und erfreulich für Dich. Unser Verhalten unbewusst dem Sozialgefüge anpassen zu können, macht das Zusammenleben, wie wir es kennen, erst möglich und erträglich. Eigentlich ist es keine besondere Fähigkeit. Es ist typisch menschlich, nicht authentisch zu sein.

Nicht authentisch zu sein ist typisch menschlich

Bezogen auf Personen in sozialen Systemen gibt es also keine wirkliche Authentizität. Denn wir verhalten uns gerade nicht unbeeinflusst von äußeren Einflüssen und das ist auch gut so. Würdest Du Dich im Sozialgefüge immer gemäß Deiner gegenwärtigen Emotionen, Gedanken, Überzeugungen oder Bedürfnissen verhalten, könnte das ab und zu doch recht merkwürdig wirken. Vielleicht sogar schmerzlich, entblößend oder verletzend für andere. Daher ist es aus meiner Sicht übergriffig, so etwas zu fordern.

Besonders spannend finde ich die Frage der Authentizität im beruflichen Kontext. Denn gerade dort spielen Erwartungshaltungen eine große Rolle. Wir sind geneigt, in uns gesetzte Erwartungen möglichst zu erfüllen. Auch das ist menschlich. Kund*innen, Vorgesetzte, Kolleg*innen, Rollen, Prozesse und vieles mehr was uns auf der Arbeit umgibt, generiert Erwartungen. Forderst Du in einem solchen Kontext Authentizität, kommt das der Forderung gleich, die Erwartungen Deiner Umwelt nicht allzu wichtig zu nehmen. Kaum ein vernünftiger Mensch würde sich darauf einlassen.

Authentizität ist ein Flutschbegriff

Schwierigkeiten mit dem Authentizitätsbegriff zu hantieren sehe ich aus zwei weiteren Gründen. Erstens ist es mittlerweile ein Flutschbegriff: schwer greifbar und unklar. Wird doch vieles in ihn hineininterpretiert. Das habe ich auf Twitter selbst erlebt, als ich zu dem Begriff einen Tweet absetzte, der letztlich zu diesem Artikel geführt hat. Oft werden damit Dinge verbunden wie „ehrlich“, „loyal“ oder „aufrichtig“. Aber dann sollten wir eben auch genau diese Begriffe verwenden und nicht von Authentizität sprechen. Dann verstehen wir uns besser.

Zweitens: Meine These ist, dass die Forderung nach Authentizität ihren Ursprung in klassisch-tayloristischen Großunternehmen hat. In solchen, von Positionsmacht getriebenen Unternehmen sind unternehmenspolitische Machtspiele an der Tagesordnung. Dahinter liegt ständiges Streben nach mehr Macht, was im Systemkontext auch sinnvoll ist. Verheißt es doch ein besseres Leben ebenjenem System. Es ist also systemintelligentes, erwartbares Verhalten. Das wird jedoch schnell übersehen. Ein typischer Reflex ist dann, sich an die handelnden Personen zu richten. Anstatt am System zu arbeiten, fordert man ein Ende der Intrigen. Denn diese werden ja als unehrlich, unaufrichtig und illoyal gesehen. Man fordert also mehr Authentizität.

Es wäre aber unvernünftig, nicht mehr nach Macht zu streben um seinen Einfluss im System zu sichern. Also gibt es nur die eine vernünftige Lösung: so tun als ob. Jetzt spielen sich alle zusätzlich noch Authentizität vor, oder zumindest die damit in Verbindung gebrachten guten Eigenschaften. Das Business Theater wird nicht etwa beendet sondern auf das nächste Level gehoben. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass Du mit der Forderung nach Authentizität genau das Gegenteil von dem erreichst, was Du eigentlich erreichen wolltest.

Ich lasse es daher ab sofort sein. Und falls mich einmal jemand auffordern sollte authentisch zu sein, werde ich das galant und vollkommen nicht-authentisch zu ignorieren wissen 😉

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