Warum ich keine Authentizität mehr fordere

Bis vor Kurzem habe ich von Führungskräften und Managern gerne mal gefordert, sie mögen doch bitte authentisch sein. Ich habe sogar ein paar alte Folien aus Seminaren von mir gefunden, auf denen das steht.

Mittlerweile ist mir das peinlich. Ich halte es für übergriffig und obszön. Ich möchte an der Stelle Reinhard Sprenger danken, der maßgeblich dazu beitrug, dass ich diese Erkenntnis hatte. Warum ich so denke, will ich mal versuchen zu beschreiben.

Menschen sind soziale Wesen. Wir verhalten uns stets so, dass es sozial angemessen ist. Dabei sind wir äußerst anpassungs- und wandlungsfähig. Ich bin beispielsweise im sozialen Gefüge meiner Familie ganz anders als bei der Arbeit mit meinen Kunden. In der Kneipe mit Freunden verhalte ich mich anders als mit der Partnerin im Theater. Es wäre vollkommen unangemessen, wenn ich mich bei meinen Kunden so verhielte, wie ich es mit meinen Kumpels an einem ausgelassenen Abend in der Kneipe tue. Die Fähigkeit, unser Verhalten unbewusst dem Sozialgefüge anzupassen, macht unser Zusammenleben erst in der Form, wie wir es kennen, möglich und erträglich.

Authentizität bedeutet so viel wie Echtheit. Auf Personen bezogen bedeutet Authentizität, sich gemäß seinen Werten, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen zu verhalten, ungeachtet äußerer Einflüsse. Wenn ich nun von Menschen im Sozialgefüge Authentizität fordere, stellen sich aus meiner Sicht gleich zwei Probleme.

Problem 1: Wirkliche Authentizität ist unmöglich

Aus soziologischer Sicht gibt es eigentlich keine echte Authentizität, denn unser Sozialverhalten zwingt uns geradezu, eben nicht authentisch zu sein. Wir verhalten uns nämlich gerade nicht unbeeinflusst von äußeren Einflüssen. Wir tun genau das Gegenteil und das ist gut so. Der Versuch, sich im Sozialgefüge gemäß unserer Werte, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen zu verhalten wäre meistens ziemlich peinlich, schmerzlich oder entblößend für uns. Das zu fordern ist aus meiner Sicht übergriffig.

Problem 2: Authentizität ist obszön und asozial

Wenn es so etwas wie „das eine wahre ich“ gibt, dann bin ich wahrscheinlich am authentischsten, wenn ich morgens ungeduscht, unrasiert und ohne Klamotten im Bett aufwache. Das findet nicht einmal meine Partnerin nicht so richtig prickelnd. Stellt Euch vor, ich würde genau so auf die Arbeit gehen. Dann wäre ich authentisch aber ich würde mich ziemlich unwohl dabei fühlen. Außerdem würde das wohl niemandem so richtig gefallen. Das wäre obszön, unangemessen und im wahrsten Sinne des Wortes asozial.

Um ein Beispiel von Reinhard Sprenger aufzugreifen: Donald Trump war vermutlich ziemlich authentisch als er einer Frau ungefragt unter den Rock griff, und damit später vor einem eingeschalteten Mikrofon auch noch angab. Das wollen wir nicht wirklich, oder?

Wenn Mitarbeiter, Manager, oder Führungskräfte in Unternehmen sich tatsächlich authentisch verhalten würden, dann würden wir ziemlich oft herumschreiende Vorgesetzte erleben. Wir würden wohl auch ziemlich oft mal den weinenden Kollegen in der Ecke stehen sehen oder noch ganz andere Dinge, die ich hier nicht guten Gewissens schreiben kann. Wahrscheinlich geht es den meisten Menschen wie mir, und sie meinen so etwas wie „ehrlich“ oder „loyal“ wenn sie von „authentisch“ sprechen. Oder sie meinen, behandle Deine Kollegen wie Erwachsene. Aber dann sollten wir eben auch genau diese Begriffe verwenden und nicht von Authentizität sprechen. Natürlich würde niemand auf die Idee kommen, solche unangemessenen Dinge zu tun, wie ich sie oben beschreibe. Die Problematik aus meiner Sicht als Berater ist allerdings, dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit erstrecht Businesstheater heraufbeschwöre, wenn ich Authentizität fordere. Ich lasse es daher ab sofort sein.

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