Agile ist nicht tot …

… und wird es auch nie sein.

Ich lese in letzter Zeit immer häufiger „Agil ist tot“ oder so etwas in der Art. Gleichzeitig nehme ich natürlich auch den weltweiten Hype rund um „Agile“ wahr. Wer heute nichts mit den Stichworten „Agile“ oder „Scrum“ anfangen kann, ist eigentlich irgendwie out. Und überhaupt werden die Begriffe Scrum und Agil gerne synonym verwendet: „Wir führen bei uns jetzt auch Agile ein …“ oder so ähnlich klingt das dann.

Ich kann mich der These Agil sei (bald) tot nicht anschließen. Gleichwohl ist mir aber nicht verborgen geblieben, dass durch viel Unwissenheit und Halbwissen, die mit dem Hype einher gehen, das Wort Agil immer häufiger zu einer Art Schimpfwort verkommt. Das hat meiner Meinung nach mit mangelndem Verständnis von Agilität zu tun und ich will in diesem Blogbeitrag einmal meine Sicht der Dinge teilen. Dazu hole ich etwas aus:

Als ich neulich auf dem ScrumDay unterwegs war, habe ich mich sehr über viele gute Beiträge und spannende Diskussionen rund um das Thema agiles Arbeiten gefreut. Insbesondere freue ich mich, dass das Thema nun schon seit einiger Zeit aus der IT-Ecke heraustritt und z.B. im Kontext von Bildung oder behördlichen Institutionen an Bedeutung gewinnt. Wie oben schon erwähnt, ein regelrechter Hype ist zu beobachten.

Mit dem Hype habe ich kein Problem. Nachdenklich stimmt mich dabei, dass allzu oft mit sehr ausgeprägter Undifferenziertheit an ahnungs- und, ja, wehrlosen Kunden „herum beraten“ wird. Eine neue Methode jagt die andere. Scrum wird mit „Agile“ gleichgesetzt und als Allheilmittel angepriesen. Sinn und Zweck gehen verloren. Die Frage nach dem „Warum?“ wird überhaupt nicht gestellt. Wenn Scrum bei Euch nicht funktioniert, dann habt ihr es eben nicht richtig gemacht. Und was war nochmal das Problem?

Leider werden dabei nicht nur die zu lösenden Probleme vollkommen ignoriert, sondern auch gute Ansätze – wie zum Beispiel das Scrum Framework – vollkommen in Verruf gebracht. Es reicht eben nicht, alte Methoden durch neue zu ersetzen, auch wenn ihnen das Schlagwort Agil anhaftet. Vielleicht sollte man in diesem Kontext überhaupt nicht mehr von Lösungsorientiertheit sprechen, sondern von Problemorientiertheit. Denn was fehlt, sind Bewusstsein und Verständnis für das eigentliche Problem.

Agilität ist eine Eigenschaft – das Wort „agil“ ist ein Adjektiv. Es kann nicht tot sein, denn die Eigenschaft „agil“ wird es immer geben. Da fällt mir der hervorragende Vortrag dazu von Dave Thomas ein, einer der Begründer des Agilen Manifests. „Agile“ kann man nicht machen.

Rote und Blaue Probleme

In den Denkwerkzeugen der modernen Systemtheorie (vgl. Niklas Luhman) unterscheidet man zwischen komplexen und komplizierten Systemen bzw. Problemstellungen. Gerhard Wohland und andere Systemtheoretiker haben das hervorragend aufbereitet und illustriert. Sie sprechen von roten und blauen Problemen. Blaue (komplizierte) Probleme sind frei von Überraschungen und daher gut planbar. Man kann sie mit Hilfe von Rezepten und Vorschriften gut Lösen. Rote (komplexe) Probleme sind dynamisch, lebendig, sorgen für Überraschungen. Sie sind daher nicht vorhersagbar und deren Lösung entsprechend schlecht planbar. Um sie zu lösen, braucht es flexible Reaktionsfähigkeit, Intelligenz, Könnerschaft, Erfahrung, Innovationsfähigkeit.

Um blaue Probleme zu lösen, genügt es, eine geeignete „Lösungsvorschrift“ – Sie können auch Methode sagen – auszuführen. Es spielt eine untergeordnete Rolle, wer die Methode ausführt. Solange die Regeln befolgt werden, kann das Problem gut gelöst werden. Blaue Probleme sind gut mechanisierbar oder automatisierbar. Nehmen sie als Beispiel einmal unseren Straßenverkehr und das Thema autonomes Fahren. Noch ist das Zukunftsmusik aber nehmen Sie einmal an, es gäbe keine Autos mehr, die von Menschen gesteuert werden. Nehmen Sie an, es gäbe nur noch computergesteuerte Fahrzeuge. Alles wäre plötzlich vorhersagbar. Das System „Straßenverkehr“ würde zum nahezu komplett blauen Problem und wäre mechanistisch (oder in diesem Fall algorithmisch) lösbar.

Unternehmen aller Größen, in denen Menschen arbeiten, sind rote Systeme. Sie sind dynamisch, unvorhersagbar und sorgen für Überraschungen. Noch dazu bewegen sie sich in dynamischen, komplexen Märkten, die uns ebenfalls täglich mit Überraschungen konfrontieren. Hier helfen Rezepte nur noch bedingt. Bedingt deshalb, weil jede Problemstellung immer eine Mischung aus komplexen und komplizierten Anteilen ist. Meist dominiert einer der Anteile jedoch. Die Herausforderung besteht darin, den für die jeweilige Problemstellung passenden Lösungsansatz zu finden. Je dominanter der komplexe Anteil ist, desto eher versagen starre Lösungsvorschriften. Es ist also wichtig, fortlaufend für Passung zwischen Problemstellung und Lösungsansatz zu sorgen. Das ist es, was ich unter Agilität verstehe.

Scrum ist nicht Agile

Wir müssen aufhören, das Scrum Framework mit der Eigenschaft agil gleichzusetzen. Es sind vollkommen verschiedene Dinge. Agilität kann auch bedeuten, sich bewusst für eine mechanistische Vorgehensweise zur Lösung eines gut bekannten, algorithmisch lösbaren Problems zu entscheiden. Agilität im Unternehmenskontext bedeutet, die Wertschöpfung auch unter hoher Dynamik stets zu maximieren. Dazu kann das Scrum Framework ein wirksames Mittel sein, muss es aber nicht. Das finden wirksamer Mittel setzt gutes Verständnis der eigenen Wertschöpfungskette voraus, was sich durch stetiges, geeignetes Hinterfragen erreichen lässt. Sich die richtigen Fragen zu stellen ist eine wichtige Fähigkeit. Ich möchte hierzu einen Blogartikel von Conny Dethloff empfehlen.

Ich will dafür werben, den Begriff Agil nicht durch falsche Anwendung zu verbrennen. Besinnen wir uns wieder zurück auf die eigentliche Bedeutung des Wortes: Agilität beschreibt die Fähigkeit, auf Veränderung reagieren zu können. Das wird auch klar, wenn man sich die Synonyme (laut Duden) anschaut: Gewandtheit, Vitalität, Wendigkeit. Dort steht nicht Scrum (und das wird dort auch hoffentlich nie stehen). Im Kontext der neuen Wirtschaft geht es doch darum, die Wertschöpfung auch im komplexen Umfeld mindestens funktionieren zu lassen. Agilität sehe ich als eine Notwendigkeit dazu an. Durch welche Vorgehensmodelle oder Frameworks sie ermöglicht wird, ist irrelevant. Vielleicht werden bald neue Modelle die Runde machen, existierende werden in den Hintergrund treten und gegebenenfalls sterben. Agilität wird aber weiterhin existieren, vielleicht nicht mehr mit der Bedeutung in der Wirtschaft wie heute, aber sie wird da sein.

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